TBK 2013

Zeit: 31.7. bis 4.8.
Ort: freiLand Potsdam

Tier- und Kinderbefreiung

Faust und Pfote

André Stern ging nie zur Schule – und wurde nicht (intentional) erzogen. Hätte er als Heranwachsender in Deutschland gelebt, wären er, seine Geschwister und seine Eltern sehr wahrscheinlich von staatlicher Repression einschließlich Straf- und Erzwingungshaft betroffen gewesen. Andrés gleichermaßen ethisch vegane wie radikal bildungsfreiheitliche Bewegungsinitiative „Ökologie des Lernens“ setzt auf die „spontane Veranlagung des Kindes“, dessen „native Begeisterungs- und Spielfähigkeit“, und ist bemüht, „Verbundenheit und Vertrauen wieder in die Mitte zu stellen: denn keine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Akteure – ungeachtet der Art, Herkunft, Farbe oder Generation – sollte ohne diese zwei Elemente denkbar sein.“ Näheres findet sich unter: http://oekologiedeslernens.com/

Ökologie des Lernens

Ich war nie in der Schule, ich bin geborener Vegetarier (und inzwischen logischerweise Veganer), und viele Begriffe, die in unserer Gesellschaft verankert sind, waren für mich schon immer unverständlich.

Viele „Ismen“ gehören nicht zu meiner Muttersprache. Ich bin fern von Rassismus, Sexismus, Speziesismus aufgewachsen und kann sie alle heute nur rein rhetorisch verstehen, aber nicht „körperlich“.

Als Kind habe ich mich immer wieder gefragt, warum es für kriminell gehalten wird, ein Kind zu essen, aber nicht ein Kalb?

Ich bin immer wieder baff, wenn ich höre, dass Tiere und Kinder keine Gefühle haben sollten.

Warum werden Kinder als eine gesonderte Kategorie behandelt, und zwar hauptsächlich, als ob jene Kategorie lauter heimtückische Gauner enthalte, die zu üblen Wiederholungstätern entarteten, würde man sie nicht sofort entlarven und in die richtige Bahn lenken?

Der Unterschied in der Behandlungsweise zwischen Kindern, „Erwachsenen“ und Senioren ist mir immer schon rätselhaft gewesen. Kinder und Tiere sollen sich Dinge gefallen lassen, die Erwachsene nicht dulden würden? Ich habe immer als eine Kränkung empfunden, dass eine ganze Religion behauptet, dass Tiere keine Seele haben.

Wenn solche Dinge mir also nur aufgrund dessen, dass ich nicht in der Schule war, dermaßen auffallen, dann bedeutet es, dass sie für uns Menschen nicht angeboren sind – sondern angelernt. Denn speziell oder anders als die anderen bin ich nicht, ich bin nur in einem anderen Umfeld aufgewachsen.

Ihr wisst, wie vielen Vorurteilen und Ängsten man in Sachen Ernährung begegnet. Glaubt mir, dieselbe Menge Vorurteile und Ängste betrifft die Erziehung. Und das Ende der Erziehung zu verkünden ist genauso kühn, wie das Ende des Fleischkonsums.

In meinem Bezugssystem ist es genauso unvorstellbar, dass Tiere leiden, wie Kinder.

Wir müssen aufhören, Kategorien und Trennungen aufrechtzuerhalten. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt: Verbundenheit ist der Begriff der Zukunft.

Deshalb habe ich die Bewegung „Ökologie des Lernens“ initiiert. Weil ich der Überzeugung bin, dass die immer zahlreicher werdenden Menschen, die über Ernährung, Pestizide, Luft, Fleisch, Tierbefreiung nachdenken, auch diejenigen sind, die in Sachen Bildung eine wahre Transformation in Gang setzen werden. Keine Neuerungen des alten Systems, keine Montessori- oder Reform-Pädagogik, keine Alternativerziehung: sondern eine Alternative zur Erziehung.

Wir müssen die Tiere befreien. Und die Kinder. Sie leiden alle – die moderne Hirnforschung hat herausgefunden, dass im Gehirn bei psychischen Schmerzen dieselben Netzwerke aktiviert werden, wie bei körperlichem Leiden – unter den selben Vorurteilen, Ängsten und vor allem darunter, dass die meisten Menschen das Gefühl haben, sie seien ihnen überlegen und damit berechtigt, Macht über sie auszuüben.

Wir müssen die Tiere befreien. Und die Kinder. Themenübergreifend. Somit befreien wir auch uns.

(Erschienen in: TIERBEFREIUNG – Das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79, Juni 2013, Seite 73)